Konzept für Erding zur Obdachlosenbetreuung


Unter Federführung von Birte Röhrig, die Soziale Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München studiert und Stefan Grabrucker, der seinen 15monatigen Zivildienst in der Obdachlosenbetreuung der Benediktinerabtei St. Bonifaz zu München und Andechs abgeleistet hat und seit dieser Zeit neben seinem Studium auch dort beschäftigt ist, entstand ein Konzept zur Bekämpfung der zunehmenden Obdachlosigkeit in Erding.

Wir halten dieses Thema für ausgesprochen wichtig und es unser erklärtes Ziel ist, die bestmögliche Versorgung unserer obdachlosen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu erreichen.

Ziel jeglicher Arbeit mit Obdachlosen muss es sein, langfristig eine Widereingliederung der nichtsesshaften Mitbürgerinnen und Mitbürger in die Gesellschaft zu erreichen. Dies ist gerade bei der schwierigen Klientel der Obdachlosen, die meist alkoholkrank sind und oft zusätzlich an psychischen Problemen leiden, kein einfaches Unterfangen. Gerade deshalb muss die Arbeit mit Obdachlosen niederschwellig angelegt sein und muss auf die betroffene Klientel zugehen. Nur in den wenigsten Fällen sind Obdachlose tatsächlich bereit, von sich aus zu einem Beratungsgespräch zu gehen.

Deshalb muss eine Einrichtung geschaffen werden, in der Obdachlose in erster Linie einen Anlaufpunkt finden. Es darf nicht die Angst aufkommen, mit dem Besuch einer solchen Einrichtung die Lebensumstände ändern zu müssen. Aus diesem Grund plädieren wir für die Einrichtung einer sogenannten Tee- oder Wärmestube in zentraler Lage in Erding. Optimal wäre ein Standort in Nähe des Bahnhofs, traditionell der beliebteste Aufenthaltsort obdachloser Mitmenschen. In einer solchen Teestube muss die Möglichkeit bestehen, einen Kaffee zu trinken, ein Wurstbrot zu bekommen und sich aufhalten zu können (z.B. auch um Karten zu spielen o.ä.). Diese Teestube muss von einem Sozialarbeiter betreut werden, der Gespräche mit den Besucherinnen und Besuchern führt und sich ihr Ver-trauen erarbeitet. Nur so kann langfristig eine wirkliche soziale Arbeit mit dem Ziel der Wiedereingliederung in die Gesellschaft erreicht werden.
Hilfreich wäre es außerdem, wenn in diesem Treffpunkt die Möglichkeit bestünde, zu duschen, die wenigen Habseligkeiten kostenlos und zeitlich begrenzt in Schließfächern unterzubringen (Obdachlose sind gezwungen, ihren ganzen Hausstand und alle Besitztümer ständig bei sich zu haben) und Postfächer für die obdachlosen Mitbürgerinnen und Mitbürger einzurichten. Erstens, weil so die Möglichkeit besteht, Post zu erhalten (z.B. wichtig für behördliche Briefe), zweitens, weil über das Vorlesen bzw. Erklären der Schriftstücke ein guter Kontakt zwischen Obdachlosen und Sozialarbeiter aufgebaut werden kann und weil drittens das Finden einer Arbeitsstelle ohne Postanschrift kaum möglich ist. Ob Bedarf an einer Kleiderkammer zur Ausgabe von gebrauchten, gespendeten Kleidungsstücken bzw. Schlafsäcken oder an einem Münzwaschautomaten besteht, müsste ebenfalls geprüft werden.
Selbstverständlich ist, dass der Aufenthalt in dieser Teestube an klare Regeln gebunden ist. Ein striktes Alkohol- und Rauchverbot in der Teestube und auf dem Gelände vor der Einrichtung ist in unseren Augen ein Muss.

Ein weiteres Problem obdachloser Mitbürgerinnen und Mitbürger betrifft die medizinische Betreuung. Eine Reihe Obdachloser besitzt keine Krankenversicherung, scheut sich, zu normalen Sprechstunden einen Arzt aufzusuchen bzw. wird von manchen Ärzten nicht angenommen. Es sollte darum überlegt werden, ob nicht der Besuch eines Arztes in der Teestube zu einem festen Termin sinnvoll wäre. Unter Umständen ließe sich auch ein Erdinger Arzt finden, der eine eigene Sprechstunde für Obdachlose außerhalb seiner sonstigen Sprechzeiten anbietet.

Die Notunterkunft am Keller ist derzeit leider doppelt bzw. sogar dreifach belegt, was zwangsläufig zu Konflikten führt. Deshalb bitten wir dringend darum, diese Notunterkunft zu erweitern, um dem gestiegenen Bedarf gerecht zu werden. Unserer Einschätzung nach wird man auch damit rechnen müssen, dass auf Grund der besonderen Situation in Erding (starker Zuzug von Arbeitskräften ohne wirkliche Bindungen in Erding, die bei Verlust des Arbeitsplatzes oder privaten Problemen kein privates Umfeld als soziales Auffangnetz vorfinden) die Zahl obdachloser Mitmenschen steigen wird.
Es gibt in der Notunterkunft auch noch kein fließend warmes Wasser, ein Zustand, der natürlich schleunigst abgestellt werden sollte - schon allein aus hygienischen Gründen.
Die Notunterkunft sollte nicht als Daueraufenthalteinrichtung dienen. Der Aufenthalt dort muss zeitlich begrenzt sein, Ziel muss es sein, durch sozialpädagogische Arbeit den bzw. die Betroffene in den "normalen" Wohnungsmarkt zu bringen. Meist ist dazu im Vorfeld eine Therapie (Alkoholentzug) nötig und im Anschluss daran eine intensive Nachbetreuung.
Deshalb muss auch in der Notunterkunft eine Betreuung durch eine ausgebildete Fachkraft stattfinden, um das Ziel der Resozialisierung zu erreichen und um Konflikte im Ansatz zu entschärfen.

Ein bloßes Verwalten der obdachlosen Mitbürgerinnen und Mitbürger reicht nicht aus, um die offensichtlichen Probleme zu lösen. Es ist dringend notwendig, sozialpädagogisch mit den Betroffenen zu arbeiten, um eine Reintegration in die Gesellschaft zu erreichen.
Platzverweise und polizeiliche Maßnahmen helfen nicht mit, die mit Obdachlosigkeit verbundenen Probleme zu lösen, sie führen maximal zu einer Verlagerung.
Dies kann aber nicht Ziel sein. Die Stadt Erding hat unserer Meinung eine große Verantwortung allen Bürgerinnen und Bürgern gegenüber und gerade Mitmenschen mit Problemen verdienen unsere Fürsorge und Hilfe.
Mit unseren vorgeschlagenen Maßnahmen würde die Stadt Erding ein umfassendes Hilfsangebot machen, das unserer festen Überzeugung nach langfristig zu einer spürbaren Entschärfung der Problematik führen würde.
Unsere Maßnahmen könnten im Übrigen durch einen einzigen Sozialarbeiter geleistet werden, so dass sich auch die Kosten in Grenzen halten würden; vor allem wenn man bedenkt, was langfristig eingespart wird.


Wir hatten bereits die Möglichkeit, unser Konzept im AK Sucht, einem regelmäßig tagenden Arbeitskreis aus Vertretern von Landkreis, Stadt Erding und Sozialverbänden, vorzustellen. Bei den anwesenden Vertretern der Verbände, die sich im sozialen Bereich engagieren, stießen unsere Ideen auf sehr positive Resonanz.

Junge Ökologen, KV Erding, Gemeinschaftsstr. 22, 85435 Erding, Tel. (08122) 96 12 64
Spendenkonto 126160 bei Raiffeisenbank Erding (BLZ 70169356)